Hans Brunner

Hans Brunner: Anarkalli, die indische Bajadere, oder der Sepoy- Aufstand in Indien. Reutlingen: Enßlin und Laiblin [ca. 1880] 64 S. » 

Die Erzählung beginnt mit einigen historischen und sozialen Fakten über Indien. Das Kastenwesen wird erklärt, ebenso der Hinduismus und die Geschichte des Landes mit dem beständigen Verfall der Hochkultur. Brunner erläutert den Hintergrund der englischen Kolonialmacht, wobei die Briten in einem äußerst schlechten Licht dargestellt werden. Ihre Herrschaft beruhe auf Brutalität und Ungerechtigkeit, im Kontrast zu Bergers Roman, in dem die Inder als brutale Aufständische dargestellt werden. Auch hier liefert der Sepoy-Aufstand von 1857 den historischen Hintergrund für die Erzählung, diesmal jedoch als positives und berechtigtes Ereignis betrachtet. Schon das erste Kapitel schildert detailliert die grausamen Praktiken der Engländer beim Steuereintreiben. Die arme Landbevölkerung wird unschuldig gefoltert, wobei jedoch ein tapferes junges Mädchen von einem als Fakir/Derwisch gekleideten Fremden gerettet wird. Weiters stört der Auftritt des Obersten die Szene, dessen Major Maldrigi weitere Frauen von der Folter erlöst, und dessen Gattin nimmt das gerettete Mädchen als „Dienerin“ mit. Die zweite Szene schildert eine als typisch indisch geltende „Sotti“ oder Witwenverbrennung, in der unter anderem die Rani von Jhansi, Herrin eines der letzten autonomen Gebiete Indiens, verbrannt werden soll. Dieses Schauspiel wird auch von englischen Offiziellen beobachtet, der Resident versucht halbherzig, die drei Frauen von ihrem Entschluss abzubringen, doch ein Verbot durch die Engländer, die sich das Gebiet listenreich einverleibt haben, beendet die Verbrennung. Ein Tumult bricht aus und das Feuer wird trotzdem entzündet, sodass zwei anonyme Helden erneut zu Rettern werden, wobei nur die politisch wichtige Rani aus den Flammen geholt wird. Diese wird nun auf den Thron von Jhansi gezwungen, allerdings unter der Schirmherrschaft der Briten, und erklärt Maldrigi, selbst kein Freund der Engländer, zu ihrem Wesir. Die Kapitel der Erzählung sind nur lose verbunden, und so handelt das folgende von dem Harem, den sich der britische Resident Rivers angelegt hat, indem er indische Schönheiten raubte. Sein letztes Opfer war die Frau Nena Sahibs, eine Irin, die auch der Grund von Nenas Freundschaft zu den Briten war. Einige Oberhäupter der indischen Gebiete, die den Aufstand planen, wollen diesen auf ihre Seite ziehen, er erklärt sich nur bereit, bei der Rettung eines Prinzen aus englischer Gefangenschaft teilzunehmen. Nach der Entführung seiner Frau ändert sich seine Einstellung zur Revolution jedoch. Nena und einige britenfeindliche Helfer retten den jungen Prinzen mit einem ausgetüftelten Plan aus den Händen der Engländer, unterstützt von der mittlerweile berühmten Tempeltänzerin Anarkalli, die mit dem geretteten Mädchen aus der ersten Szene identisch ist. Sie schwört einem englischen Offizier und dessen Verlobter Rache, nachdem sie ihn Verbrechern ausgeliefert, ihn dann aber aus Liebe wieder gerettet hatte. Aus Dankbarkeit versprach er ihr Treue, hielt dieses Versprechen jedoch nicht ein. Während der Flucht des Prinzen brennt der Palast des Residenten ab und die Helden der ersten Kapitel retten die dem Wahnsinn verfallene Frau des Nena aus der Gefangenschaft im Harem. Das vorletzte Kapitel handelt von einem Ball im Hause des Nena Sahib, Wochen nach der Rettung seiner Gattin. Der Resident, der ungestraft geblieben ist, wirbt um die Rani von Jhansi. Nena klagt ihn des Mordes an seiner mittlerweile verstorbenen Frau an und zeitgleich erscheint ein Bote, der den Ausbruch der Revolution verkündet. Im letzten Kapitel schildert Hans Brunner die Grausamkeiten des Aufstandes den Engländern gegenüber und die Belagerung des Forts von Khanpur durch Nena Sahib, der die dort eingeschlossenen Briten nach einer angeblichen Freilassung doch noch grausam ermordet und die Frauen zu Sklavinnen macht. Anarkalli rächt sich nun an dem Liebespaar, indem sie die junge Frau einem brutalen Inder zur Bettgenossin gibt. Ihr Geliebter wird von den Truppen Nena Sahibs misshandelt und stirbt an den Folgen. Zuletzt verbrennt sich Anarkalli mit ihm gemäß der indischen Tradition am Scheiterhaufen.1

1 Hanna Maria Ofner: „Das Indienbild in den Jugendbüchern des Ensslin & Laiblin Verlages vor 1945“. Diplomarbeit, Universität Wien, 2011, pp. 49-50 »

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