Ernst Bloch

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Ernst Bloch

Urfarbe des Traums

Träumte ich gestern gar übel. Kroch durch einen immer engeren Gang, konnte weder zurück noch voran. Dichte Steinwand neben mir, über mir, mußte müde ersticken.

Wo noch kommt dieser Zustand vor? Er ist immerhin stark genug, der Wille drin schreit. Wie immer es mit ihm steht, in großer Literatur sah ich ihn nicht geschrieben, nach außen gebracht. Nur in niederer habe ich davon gelesen, dort, wo sich nicht viele aufhalten und töricht darüber lächeln. Aber Karl May kriecht durch einen Kanal, nur unterirdisch kann er in den Palast Abrahim Mamurs gelangen, das geraubte Mädchen befreien. Alle Schrecken sind in dem finstren, immer erstickenderen Schlund, Kriechen, Schwimmen, fauliges Wasser, nun schon über den Augen, reißt den Mann mit sich in plötzlichem Gefäll. Nur noch einen Mund voll Luft, aber da wird die Höhle heller, dort ist der Ausgang, mit rasenden Stößen schießt Kara ben Nemsi darauf zu – und schlägt mit der Stirn an ein Gitter, das den Ausgang des Kanals verschließt. Wie nun der Held das Gitter zertrümmert, in einem Bassin auftaucht, mitten im Hof des Palastes, eine Kugel um seinen Kopf pfeift, gehört nicht hierher, soweit vermag niemand zu träumen. Doch in andren als so geringen Büchern, ja, auch nur anders fand ich dies starke Traumbild nirgends gestaltet. Bei Poe würde es zu hoch, zu erwachsen, ja, die ganze Welt würde mit ihm schrecklich werden, damit es sein kann, worauf doch hier, in der kräftigen Luft, nichts ankommt.

Der staunende, fünfzehnjährige Mensch in uns zieht immer diese Luft ein. Kommt Äußeres dem Traum entgegen, wie etwa auf dem roten, funkelnden Jahrmarkt, ja, selbst im unmittelbaren Blutschein des Schrecks, der Erinnerung, so ist die Kolportage mindestens sein erster und treuester Ort. Sitzt ein altes Weib in der Jahrmarktsbude, der mit

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Teppichen ausgeschlagenen Kasse, und auf dem Tisch im Freien brennt die Petroleumlampe: nur in den Geschichten vom geraubten Grafensohn, ja, nur in »Nena Sahib« kann sich das lösen oder, wie man als Junge diesen Buchtitel las, auf der gleichen Zeitungsseite mit Dr. Retaus Selbstbewahrung angepriesen. Nena Sahib: es glühte ein üppiges, indisches Weib mit druckschwarzen Augen; Vignette für den indischen Onanieroman, wie er scheinen mußte, und Symbol für alles, das sich hinter den Teppichen und dem Tisch mit der Petroleumlampe fand: Schreie der Opfer im Tempel der Todesgöttin, Dolch, Gift, Schändung, Brandluft Indiens und als Stern darin die einzige gerettete weiße Frau, der Engel von Delhi. Nur Musik spiegelt so noch, außer Kolportage, diese zweite, höhere Traumschicht, das gärende Farbenwetter der Kreatur; die Kolportage ist nicht mehr kindlich wie das Märchen, aber auch nicht nur einfaches Wühlen von Urtrieben, sondern das erfüllte, das anders »unschuldige« Bild dieser starken, brennenden Welt. Ja, noch höher hinauf: »wo habe ich das schon gehört?« – eine furchtbare Frage, den ganzen Absturz des déjà vu enthaltend: nirgends ist auch dieses Grunderlebnis des jungen Menschen gestaltet als in der kulturlosen, der ewig primitiven Literatur. Gerstäckers »Regulatoren des Arkansas« sind auf dieser Qual und ihrer Lösung gebaut: wie hier der junge Squatter Pferdediebe verfolgt, von einem Urwaldgewitter wird er überrascht, rettet sich in eine Hütte und schläft und träumt, wirre Dinge, Stimmen drin, Fragen, drei Fragen: »ist hier der Fourche la fave? « muß man fragen: »könnt ihr uns einen Trunk Wasser geben? Habt ihr gute Weide hier?« Wie nun der Squatter erwacht, hat er alles vergessen, ja, lange Monate vergehen, und viele Buchseiten hat man umgeschlagen, voll vergeblicher Jagd auf die Pferdediebe, falscher Spuren, Heuchelei und Liebe: da sitzt der junge Squatter eines Herbstabends bei Mr. Atkins, einem angesehenen Farmer, am Kamin, sie sprechen über den kommenden Tag, die große Assemblée der Regulatoren im Wald. Pferdegetrappel kommt hier die Straße herauf, und Reiter halten unten, rufen ins Haus: »Ist hier der Fourche la fave?«, Atkins bejaht: »könnt ihr uns wohl einen Trunk Wasser geben?« ruft’s zurück, und die Burschen kommen in die Stube. »Wo habe ich nur das schon gehört?« und der junge Squatter wendet sich ab, stochert im Kamin, damit man sein Gesicht nicht erkenne. »Da habt ihr wohl gute Weide hier?« hört er den

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einen Burschen jetzt sagen, und wieder bejaht Mr. Atkins – da wußte der Squatter, wo er war, lange schon her, in der Nacht, und daß er nicht geträumt hatte, sondern er begriff dies Zeichen und Einverständnis, die Diebe waren im Haus und Mr. Atkins ihr Patron. Also ist hier gar eine ganze Handlung auf das Motiv des déjà vu gesetzt, eines Urgefühls, das große Literatur nur als Psychologie nebenbei kennt, eines fruchtbaren déja vu freilich, wie es weiterhilft, Moment der Lösung wird, mitten in der gesündesten Welt. Wie es sonst nur noch, verwandt, bei Karl May auftaucht, in den »Schluchten des Balkan«, als er den Bettler Busra erblickt, am Rand des Dorfs, jammervoll, ausgetrocknet vor Hunger und Krankheit. »Wohltat, Wohltat« ruft der Bettler und streckt die Arme aus; aber wie ihm Kara ben Nemsi einige Münzen herunterwirft, da blitzt es auf in den verblödeten Augen, scharf und voll ungeheuren Hasses, ein furchtbarer Blick. »Wo habe ich nur diese Augen schon gesehen?«, und Kara ben Nemsi dreht sich nochmals um, da hockt der Bettler wieder in vollkommener Verblödung, aber es läßt ihn nicht los zu denken, schon einreitend ins Dorf, Gefahr zu denken, Lärm, Schüsse, Hände, viele Hände, nach ihm greifend, Gesichter – »sollte es in Mekka gewesen sein?« Und jetzt rast die große, die befreite, die erinnerte Phantasmagorie vorüber, in Mekka, damals, als Kara ben Nemsi in die verbotene Stadt gezogen war, als Giaur entdeckt wurde, mitten auf dem hellen Platz am Brunnen Zem-Zem; damals im Blitz der Gesichte war auch der Bettler Busra, der gar kein Bettler ist, sondern der falsche Heilige Mübarek, einer der Höchsten im verbrecherischen Geheimbund des Schut. Wozu hier noch die Beispiele mehren, wozu noch auf das seltsame Ineinander von Gefühlen deuten in so vielen andren »verfänglichen« Situationen, Harmloses des Augenblicks plötzlich in ungeheure Gefahr verfangend? In allen Meisterwerken der Kolportage ist so vieles davon enthalten; und mitten aus dem Behagen des gespiegelten Traumes klingen diese Szenen, klingt die Szene bei Cooper nach, aus dem »Roten Freibeuter«, einem andren Monströsgebilde dieser Gattung, wenn die beiden Männer miteinander spielen, der Leutnant der königlichen Marine, verkleidet als erster Offizier auf dem Piratenschiff, und der höfliche, der lauernde Korsar; wenn unter so vielen endlich die schwarze Flagge erscheint und ihre Farbe bekennt und jeder dem andren in den nahen, wechselnden Galgen läuft. Hier

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überall ist keine Psychologie, sondern Handlung, Schlag auf Schlag, das Innere nur als Spannung nach außen reißend, als einfachen, unverwischten Keimpunkt äußerer Spannung und Entladung. So wesenhaft »gesund« ist also dieses Jugendfeuer, bringt selbst seine Angstträume und Verschlagenheiten nicht in einen isolierten Raum, wie bei Poe oder Hoffmann und den andren, den großen Gefahrdichtern; sondern diese Welt ist eine Totalität voll gröbster Feinheiten in jedem Betracht, ein barbarisches Fresko vom genauesten Chok bis zum verlassenen Mädchen, Schiffsuntergang und Fürstenschloß. Nur die Musik, sagten wir, kennt noch diesen wetternden Bildnebel, Dominante des Ladens, Tonika der Lösung, und hoch auf atmet der gebannte Leser; nur noch in der Kolportage ist sich unser farbiger und Traumzustand derart nahe.

Auch weiter liebt es diese Art Schrift, geträumt zu sein. Denn auch sie ist nach längerem Erwachen nicht leicht erinnerlich, genau wie der Traum, immer wieder läßt sich daher, nach einigem Zeitraum, das gleiche gute Kolportagebuch lesen. Das liegt nicht an seinen matten, schematischen Menschen (auf die es ja gar nicht ankommt) und ist verwunderlich bei dem spannenden Glanz, der während der Lektüre auf Schicksalen und Landschaften lag. Einzelne Elemente werden gewiß behalten, treten rund hervor, rein technisch schon, so bei Karl May das fabelhaft richtig beschriebene Haus des Schmieds, im Beginn der »Schluchten des Balkan«, so noch mehr die vortreffliche Exposition des »Rio de la Plata«, mit der Straße von Montevideo, dem Verfolger, dem alten Orgelspieler, den Yerbateros, dem Pakt, ins Innere des Urwalds zu ziehen. Aber hier ist gleichsam die Schicht der Kolportage verlassen und scharfe, entwickelte, wirkliche Erzählung da, nicht mehr endlos in Abenteuern fließend, mit beliebig einschaltbaren Hemmungen und dem ganzen Reiz des Wetters statt des Landes. Selbst die großen Situationen sogar, von der Urfarbe des Traums, das Schwimmen im Kanal, die freilich unvergeßliche Szene des Mübarek, – möchten offenbar vergehen, wenn sie nicht gerade die Traumschicht, also ein Leben außerhalb ihrer, immer wieder nährte. Dabei kann hier dem Leser, während er liest, durchaus das Bewußtsein fehlen, daß er liest, genau so wie dem Träumenden, daß er träumt; er kann, wie geschehen, zwanzig, dreißig Seiten vorblättern, in unerträglicher Spannung, um zu sehen, ob Old Shatterhand aus dieser Lage überhaupt noch lebendig hervorkommt,

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obwohl doch Old Shatterhand in Ichform diese Lage selbst beschrieben hat, also lange nachher noch lebendig geblieben sein muß. Doch selbst daraus geht wieder nur Verwandtschaft mit dem Traum hervor, nicht etwa der geschehene Sprung in feste, erinnerbare »Wirklichkeit«, wie sie in jedem guten Roman so ungeheuer dicht erscheint, trotz allem Bewußtsein der hier vorgelagerten Literatur. Die Silberbüchse Winnetous blüht als Blume eigener Art, der Henrystutzen schießt fünfundzwanzigmal in vollkommener Wunschphantasie, der Bärentöter hat bloße Traumschwere, ja selbst autobiographisch stammt Karl Mays Schrifttum aus Dämmerzuständen der Jugend, aus dem farbigsten Widerschein von Urtrieben im Spiegel der Ferne. Nur wo uns eine Wirklichkeit selbst traumhaft nahekommt, scheint sie sich mit Bildern aus der Kolportage auch real zu decken; mir erging es so, auf dem weiten Platz vor dem Nordtor in Kairuan, wo höchst wohlbekannte Sklavenhändler, verdeckte, spähende Feinde einzureiten schienen – leibhaftig aus Karl May und doch nur wahrhaftig aus der hier alles überströmenden Traumwelt. Offen fließt deshalb auch alles Schlechte der Zeit in diese wehrlose Schicht: verluderte Sprache (die ihr nicht wesentlich ist, wie Karl May oft zeigt), Spießbürgerlichkeit des Gesprächs, der Inhalte von Gut und Böse (die die hier wesentliche, gleichsam »naturrechtliche« Entscheidung zwischen Sieg und Finsternis verdeckt). Indes grundsätzlich reinigt sich auch immer wieder Kolportage, gerade aus ihrer Nähe zur Traumkraft; es gibt, wenn kein ganz gutes, so doch gewiß kein ganz schlechtes Buch Karl Mays, ja, die reinigende Fülle dieser Art reicht noch genau so hoch in die »erwachsene« Literatur niederen Genres herein (vor allem auch, bezeichnenderweise, in Operntexte), als diese die Unbekümmertheit der Kolportage enthält. Echter Kitsch findet sich, wenn schon überwiegend, so doch nur nebensächlich in der Kolportage; er ist substanziell nur in der kleinbürgerlichen Wachliteratur zu Hause, also nicht bei Karl May, nicht einmal bei Ruppius, Hackländer, von Maurus Jokai zu schweigen, die allesamt am Farbenwetter der Kolportage glänzend teilnehmen, wohl aber in Rudolf Herzogs Klischees und Abhüben, ohne Zugang zum Jahrmarkt, zur Wild- und Traumkraft des Volks. In dieser Traumkraft dringt zugleich die Kolportage seit hundert Jahren steigend vor, hat die seßhaften Kalender, die Schnurren des bedürfnislosen Volks überrannt, greift neu die Urelemente von Glanz und Weitensehnsucht auf. In der

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Freizügigkeit entstanden, ja sinngemäß aus ihr erst möglich, teilt so die Kolportage ihre Motive mit den alten Abenteuer-, Verfolgungs- und Rettungsepen, mit den Urstoffen des alten Rittersangs; und sie hält, in einem immerhin aktuellen, einem freizügigen Wunschtraum, diese Grundkämpfe zwischen Gut und Böse frisch, mit endgültigem Sieg des Guten. Auch hier also reinigt sich Kolportage gerade noch aus den Motiven der Traumkraft, als eines nicht nur schwebenden, sondern ferntreffenden, als eines kreuz und quer gemischten, halb schiefen, halb übergraden Vehikels von Vorwirklichkeit. Und der Inhalt der Freizügigkeit schlechthin erscheint: Schurken, die sie hindern, weite Prärie, gefährliche Stadt, Räuberbraut, Detektive des Schlechten, Held und edle Rächer, alle Gestalten der Dämonie und des Lichts. Trennte »Gesundheit« die Kolportage vom großen Poe, so trennt sie dies »Weltgericht« von den übergebliebenen Abenteuerromanen ziviler Literatur, vom großen Sealsfield oder Stevenson; sichert ihr zugleich ein ersetztes, vorgespiegeltes Leben, genauen Raub an der kommenden Welt. Träumt also Kolportage immer, so träumt sie doch immerhin Revolution, Glanz dahinter; und das ist, wenn nicht das Reale, so das Allerrealste von der Welt.

(‘Die Literarische Welt’, Berlin, 3. 12. 1926)

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