Berliner Revue

Social-politische Wochenschrift

Review of Sir John Retcliffe’s: Nena Sahib oder die Empörung in Indien.

Aus dem lieb anheimelnden Reiche der Sage und des Mährchens versetzt uns in daguerreotypische und photographische Wirklichkeit ein Roman: “Nena Sahib oder die Empörung in Indien; von Sir John Retcliffe. Berlin 1859, C. Nöhring, dessen drei starke Bände in Lexikonformat uus gleich in dritter Auflage vorliegen. Das Werk muß gewaltig rasch sein Publikum gefunden haben; ein deutscher Roman in dritter Auflage ist überhaupt eine Seltenheit, in drei Auflagen aber während eines Jahres, das ist geradezu unerhört in der deutschen Literatur, das hat selbst Gustav Freitag trotz der gefälligen Kameraderie, trotz der so höchst zeitgemäßen Verhimmelung des Kaufmannsthums und trotz wirklicher Verdienste, die wir bei aller Vergötterung des Verdienens Freitag nicht absprechen wollen, nicht zu erreichen vermocht. Was mag der Grund dieses beispiellosen Erfolges sein, den dieser Roman und auch schon sein Vorgänger, “Sebastopol” betitelt und in dieser “Revue” seiner Zeit besprochen, errungen hat? Literarische Kameraderie ist’s gewiß nicht, denn bei unserer aufmerksamen und ziemlich ausgebreiteten Journal- und Zeitungs-Lektüre ist uns der Titel so wie der Name des Versassers kaum zu Gesicht gekommen. Diesem und ähnlichen Werken sichert ihren Erfolg, das heißt in diesem Falle ein großes Publikum und einen raschen Absatz, gerade das, was die Kritik an andern Romanen zu tadeln pflegt. Das klingt paradox, aber es ist doch die volle Wahrheit. Sir John Retcliffe, wenn wir es hier wirklich mit einem Britten und nicht nur mit dem englischen Ueberzieher eines Deutschen zu thun haben, hat die realistische Darstellungsweise seiner Landsleute auf die Spitze getrieben, der Realismus Thackeray’s, von Boz gar nicht zu reden, genügt ihm lange nicht, selbst der Franzose Flaubert bleibt in der „Madame Bovary» weit hinter ihm zurück; es ist ihm niemals weder um die poetische Entwicklung eines Charakters, noch um die künstlerische Gruppirung, noch um folgerechte Motivirung eines Ereignisses, niemals um die dichterische Verklärung einer Thatsache zu thun, mit einem Wort, Sir John Retcliffe hat die Wahrheit von ihrem Thron gestoßen, die Schönheit ins Exil gejagt, die Wirklichkeit ists allein, die er auf den Schild hebt, der Wirklichkeit allein huldigt er in seinen Schriften. Daher kommt die daguerreotypische Ähnlichkeit gewisser Figuren, darum giebt er keine Gemälde, sondern Photographien. Das allein schon mußte ihm einen großen Erfolg sichern in einer Zeit, die das ästhetische Gefühl und die ästhetische Bildung so weit schon verloren hat, daß sie im Allgemeinen eine gelungene Photographie einem Gemälde vorzieht, aber der Verfasser des «Nena Sahib« faßt sein Publikum noch fester; er hat nämlich Phantasie, und mit Hülfe derselben steigert, übertreibt und übergipselt er die Wirklichkeit; bei ihm wird die Dämmerung zur Nacht, der Fehler zum Verbrechen, das Verbrechen zum Ungeheuerlichen, das Entsetzen selbst ist bei ihm immer noch dreimal unterstrichen, kurz, die platte Wirklichkeit steht bei ihm immer im Superlativ, ohne dadurch weniger platt zu werden. Das erklärt die Erfolge der Retcliffe’schen Romane vollständig, sie sind aus die Nerven des großen Lesepublikums mit ganz unbestreitbarem Geschick berechnet und mit einer Sicherheit hingeschrieben, die kaum ihres Gleichen haben dürfte. Der vorliegende Roman nun ist ein Tendenz-Roman, dessen offen einbekannte Absicht dahin geht, alle die Schändlichkeiten darzulegen, deren sich die brittische Politik sowohl, als auch einzelne Britten, in Bezug auf Ostindien, und nebenbei auch auf andere Länder, schuldig gemacht haben. Fleißige Studien haben den Bersasser in Stand gesetzt, ein langes Sündenregister zusammenzubrmgen, über welches dann durch den Aufstand in Indien durch Nena Sahib mit Blut und Scheußlichkeiten aller Art quittirt wird. An das Haus der berühmten Begum Somroo anknüpfend, läßt der Bersasser seine Erzählung, deren Sprünge über Land und Meer, deren überkecke Spannungen mit großem Geschick verknüpft sind, bis aus die neuesten Ereignisse einen bedeutenden Zeitraum durchlaufen, was ihm Gelegenheit giebt, eine Menge von Persönlichkeiten zu schildern, die während desselben eine hervorragende Rolle gespielt haben. Durch diese bekommt der Roman auch nach einer andern Seite hin Interesse, das durch die landschaftlichen Schilderungen, die mit Glück und Sorgfalt nach den neuesten und besten Reisewerken gearbeitet sind, unterstützt wird. Es wäre Thorheit, an einem solchen Werke Scenen zu tadeln, welche die Nerven aufs Unerträglichste spannen, Sir John Retcliffe hat eben für Leute geschrieben, die ihre Nerven nicht berücksichtigen; es wäre lächerlich, an die Gemälde scheußlicher Unzucht und haarsträubender Grausamkeit einen ästhetischen Maßstab anlegen zu wollen, der Verfasser schlägt uns mit einer Anmerkung zu Boden, in welcher er für die Wirklichkeit seiner Schilderung die Akten der untersuchenden Parlaments – Commissionen zitirt. Dagegen hat die ästhetische Kritik keine Waffe Einen Roman hat Sir John Retcliffe nicht gegeben, sein „Nena Sahib” ist so wenig ein Roman, wie es sein „Sebastopol” war, von den ästhetischen Anforderungen, deren Erfüllung die Kritik an die Kunstform, die man Roman nennt, zu stellen genöthigt ist, hat er keine erfüllt, geflissentlich keine erfüllt. „Nena Sahib” ist kein schlechter Roman, es ist gar kein Roman, das hindert aber allerdings nicht, daß es ein interessantes Buch ist. Man kann es in mehr als einer Beziehung beklagen, daß interessante Bücher der Art jetzt das größeste Lesepublikum finden, aber es wäre ungerecht, dem Verfasser daraus einen Vorwurf zu machen. Er hat sich kein Publikum geschaffen, aber er kennt das Publikum, auf das er wirken will und zwar in einem antirevolutiouären Sinne wirken will. Ob in der That durch Werke der Art die Revolution zu bekämpfen ist, ob die Waffe nicht eine zweischneidige ist, das wollen wir hier nicht entscheiden, wenn wir auch unseren ernsten Zweifel daran nicht zu bergen vermögen. Wie wir lesen, ist bereits ein neuer Roman von Sir John Retcliffe, „Villafranca” betitelt, unter der Presse.[1]


[1] In: Berliner Literaturbriefe XVII, Berliner Revue. Social-politische Wochenschrift. Redigirt von Hermann Keipp. Verlag von Ferdinand Schneider, Behrenstratze 12. Berlin.1859. Achtzehnter Band. Drittes Quartal. S. 461-463

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