Carl Wilhelm Sauter

Die Eroberung von Delhi

am 20. September 1857

[in: Carl Wilhelm Sauter: Gedichte. Nürnberg 1858 »]

Der Tag bricht an! Kolonnen rasch marschiren
Um zu erobern Delhis Thor und Thurm,
Ein General Wilson läßt attakiren
Die auserles’nen Krieger zu dem Sturm,
Und der Triumph erfreut die Christen alle.

Schwer an Caliber feuern die Geschütze,
Die Kaschmirbastion steht in dem Brand,
Rings Mauern stürzen mit der Mohurstütze,
Weit offen gähnt der Bresche scharfer Rand,
Zurück erschrocken d’rum die Hindus weichen,
Es mußdas Glück von Moslems Stern erbleichen.

Den Sipoys wird kein Pardon gegeben
Mit Ausnahm’ von den Kindern oder Frau’n,
Vorwärts man stürmt und tödtet schnell das Leben
Der Feinde, die bewaffnet sind zu schau’n,
Von Sikhs und Afridis der Truppenglieder
Ertönen laut des Sieges Jubellieder.

Zwar sich verteidigt stark noch der Rebelle
Am Kabulpunkte, bis auch dieser fällt,
Danach Dschehanabad, des Südens Stelle,
Die Neustadt nimmermehr der Feind erhält,
Wie aus der Nordhälft’ er muß schnell entfliehen,
Wo Lorbeern für die Fahnen Englands blühen.

Besetzt sind Thore, Thürme und Moscheen,
Der Britte schießet auf das Arsenal
Des Großmoghuls Palast soll untergehen,
Zertrümmert von des Kriegsgott’s Donnerstrahl,
Der hier, wie vor Sebastopol erschienet,
Die Kräfte zu des Segners Sturz vereinet.

Ha, viel Kanonen werden nun errungen,
Das Feuer von den Insurgenten schweigt,
Und ihre Reiterei entflieht, bezwungen,
Hin in die Nacht, die rabenschwarz sich steigt,
Nur momentan erhellt vom Feuerbrande
Der Opferstätten rings in Indiens Lande.

Dazwischen ragt ein Judithgeistgebilde
Des Wheelers Tochter, die mit blanken Stahl
Den Feind getödtet und durch die Gefilde
Entfloh und hatte keine and’re Wahl
Als sich zu werfen in des Flusses Bette,
Der aber, ach, ihr ward zur Todesstätte.

Erynnien gleich ihr nach noch mehr sich zeigen
Dort aus des Bronnens schauerlichem Grab,
Wo man verstümmelt edle Frauenleichen
Nach schrecklicher Ermordung warf hinab,
Sie folgen überall dem Feind in Flüchten,
Den die Geschütze Englands jetzt vernichten.

Nichts hilft des Nabobs Fluch mit den Gebeten,
Daß soll verbrennen noch den Christ der Sohn,
Denn auf der Rache hohen Zukünftsröthen
Erstrahlet der Triumph für Albion,
Die tollen Heiden, die Pagodengeister,
Wie den Bramin besiegt ein höh’rer Meister.

Britannien ist Herrscher nach drei Tagen,
Wo sturmreich die Eroberung gescheh/n,
Der König Delhis wollt’ die Flucht auch wagen,
Sein Regiment konnt’ ferner nicht besteh’n,
Doch mit den Seinigen schnell eingefangen
War der gerechten Straf’ er nicht entgangen.

Ein Nena Sahib, der die Gräelscenen
Verüben ließ durch blut’ge Meuchelei’n,
Soll bald mit seiner Rotte von Hyänen
Den teuflischen Sipoys nicht mehr sein,
Erreichet von des Rächers blanken Waffen
Der Aufruhr durch Britanniens Kraft erschlaffen.

Und Audh und Bombay im Empörungsfeuer,
Des Havelocks und Outrams Tapferkeit
Bezwingen, und des Krieges Abentheuer
Sich blutig zeichnen so in’s Buch der Zeit,
Wo die Geschichte, eine Richterin, wandelt,
Ein England nur durch sich hat groß gehandelt.

Im Ganges ruh’n die Schweinefettpatronen,
Und weggeblasen hat der ehr’ne Schlund
Des Aufruhrs Hyder, zieh’n des Sieg’s Kolonnen
Durch Indiens segenreichen Auengrund,
Der Schätze zu den Spekulationen
Selbst spendet hin den fernsten Nationen.

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