Gottfried Kinkel (1815-1882)

Aus Mirut / Jessie Brown

Aus Mirut¹

(Times vom 5. August 1857)

Delhi hebt die ehrne Stirne,
Ein Jahrhundert schmuckberaubt,
Und der Moguln üpp’ge Dirne
Schlingt die Perlen neu um’s Haupt.

Rückgelehnt in Polsterthronen
Hallt ihr erstes Machtgebot:
Kinder Indiens, ohne Schonen
Allen Europäern Tod!

Wo die Dschumna ihre Wellen
Hell durch dunkle Gärten gießt
Und vorbei den Marmorschwellen
Liebgeweihter Gräber fließt:

Da erbebt der Strom mit Zischen,
Rauscht empört die fromme Fluth;
Denn die heil’gen Wellen mischen
Sich mit heißen Strömen Blut.

Rings die Brittenlager lohen,
Und zum letzten Rettungsport
Stürzt, was noch dem Mord entflohen.
Nach Miruts verlaßnem Fort,

Dort, wie auf dem Felsenneste
Scheu der Schwarm der Möven hauft,
Lauschen sie von ihrer Feste,
Wie der Aufruhr um sie braust.

Seht den müden Bettler schleichen!
Friedsam naht er und allein.
Grüßt uns mit dem Friedenszeichen,
‘s ist ein Fakir, laßt ihn ein!

In der Offiziere Mitten,
Waffenlos und ohne Harm
Kommt er ruhig hergeschritten;
Sieh, was trägt er auf dem Arm?

Wie aus dunkler Stachelfeige
Roth die Tropenblüthe bricht;
Wie durch rauhe Palmenzweige
Indiens Falter hell sich flicht:

Also unter strupp’gem Barte
Tauchet Lockengold empor,
Und aus Lumpen lauscht das zarte
Köpfchen eines Engels vor —

Frisch, wie in des Meeres Mitten
Albions junge Knospen sind,
— Und den Obersten der Britten
Grüßt der Fakir und beginnt:

„Dieses Kind aus deinem Stamme
Nimm, Sahib, an deinen Herd:
Seine Mutter fraß die Flamme,
Seinen Vater fraß das Schwert.

„Die Geschwister, Mädchen, Jungen
Rissen nackt sie aus dem Bett;
Grausam in die Luft geschwungen
Stürzten sie in’s Bajonet.

„Dieses stahl ich in den Falten
Meines Mantels durch die Schaar,
Uud den Hieb hab’ ich erhalten.
Der ihm zugemessen war.”

Und so band er von der Weste
Sich das Kind im Tragband los,
Und ein englisch Weib der Feste
Nahm das Würmchen auf den Schooß;

Und des Mitgefühles Thränen
Quellen ungehemmt hervor,
Jeder denkt mit bangem Sehnen
Derer, die er selbst verlor.

Sprach der Oberst: „Nimm, du Treuer,
Deines Edelmuthes Sold!”
Doch durchblitzt von edelm Feuer
Spricht der Hindu: „Halt dein Gold!

„Ob die Wunden mich ermatten.
Brauch’ ich nichts von deiner Hand;
Bettelnd durch des Ganges Schatten
Wandr’ ich, durch des Indus Sand.

„Hab’ die Vedas all gelesen,
Den Koran auch durchgestört;
Bin bei den Parsis gewesen,
Hab’ auch euern Spruch gehört.

„Liebe, hört’ ich alle sagen,
Sei zwei Drittel im Gebot;
Und die Liebe hieß mich’s wagen,
Und ich that’s und zwang den Tod.

„Doch wollt ihr mir Dank gewähren,
Nun so grabt auf diesem Platz
Einen Brunnen, Gott zu Ehren,
Allem Volk zum ew’gen Schatz.

„Jedem geb’ er seine Spende!
Hier entsühnt sich der Braman,
Wäscht der Moslem seine Hände,
Und der Christ, er trinkt daran.

„Laßt ein Schattendach ihn decken,
Und ein Täslein an die Mau’r
Mögt ihr mit den Worten stecken:
Imam Bharti von Dhunau’r.

„Imam Bharti von Dhunauer
Ist mein Name, merkt ihn gut,
Laß daraus zu ew’ger Dauer
Jedes Wandrers Auge ruht.

„Wenn um Rache einst ihr streitet,
Meinem Volke grimmgesinnt,
Denkt, wenn ihr vorüberschreitet,
An den Bettler und dieß Kind!”

Sprach’s und grüßt’, herab die Matten
Schwand er fern hinaus in’s Land,
Bettelnd durch des Ganges
Bettelnd durch des Indus Sand.

Jessie Brown²

(1858)

Es war ein Weib von Hochlandsblut
Zu Lucknow auf dem Schloß,
Als Indiens grimme Freiheitswuth
Die Britten eng umschloß.

Und Jessie auf die Posten fern
Trug Pulver Tag und Nacht,
Sie mischte Grog und Whisky gern
Für jeden Mann der Wacht.

Noch grimmer als des Feindes Schwert
Umschloß die Noth den Platz;
Geschlachtet war das letzte Pferd,
Und fern blieb der Entsatz.

Auch auf den Knien feuert doch,
Auch auf den Knien der Mann;
Ein Britte schießt, solange noch
Der Arm sich rühren kann.

Die letzte Hoffnung kam zu Fall,
Voll Leichen lag die Stadt,
Hinsank auch Jessie auf den Wall,
Von Durst und Fieber matt.

Und Jessie lag im Fieber schwer —
Da trug ein wilder Traum
Sie zu des Vaters Hütt’ am Meer
Unter den Eibenbaum.

Sie murmelt leis: Der Schlaf mir fromm
Und müd bin ich genug;
So weckt mich nicht, bis Vater kommt
Nach Haus von seinem Pflug.

Sie hört im Traum des Sturms Getos,
Der Möve schrillen Pfiff,
Sie hort der Wellen hohlen Stoß
An Schottlands Felsenriff.

Sie hört — doch horch, was schallte so,
Das grimm ihr Elend höhnt?
Nein, das ist Traum nicht mehr! Halloh!
Des Hochlands Pfeife tönt!

Sie reckt sich auf, sie fährt empor:
Hört ihr, o hört ihr’s schall’n?
Der Slogan ist’s von Macgregor,
Der wildeste von All’n!

Strack auf die Füße sprang sie, stand,
Hielt sich am Fahnenstab,
So stand sie auf des Walles Rand
Und horcht’ in’s Thal hinab.

Wohl lauscht auch der Soldat empor:
Der Kugeln wild Geschwirr
Betrügt auch wohl ein Hochlandsohr,
Denkt er — sie redet irr!

Und wieder schrie da Jessie Brown:
‘s ist nicht mehr Macgregor,
Der zweite Ton, ich hör’ ihn traun,
Dringt aus den Dschungeln vor.

Der Heide Sohn, da kommt er schon,
Das ist der stärkste Clan:
„Clan Campbell kommt, Clan Campbell kommt,
Clan Campbell kommt heran!”

Ein Schweigen war’s ‘ne Viertelstund,
Die Krieger lauschen still,
Da — ganz vernehmlich tönt vom Grund
Die Sackpfeif’ wild und schrill.

Hoch lebe Großbritannia!
Rief’s tausendfach im Chor;
Zur Antwort trug die Sackpfeif’ da
Die dritte Weis’ empor:

„Wer denkt der alten Freundschaft nicht,
Der alten Heimath gern?”
Und schau, wie’s blitzt im Morgenlicht
Von Bajonetten fern.

Mit nacktem Knie, im Waffenglanz,
In festem munterm Schritt,
Ein Keil aus ihres Felsenstrands
Gewürfeltem Granit —

So kommen sie, so stürmen sie
Auf die Sipoys heran!
Und jeder Mann sank auf sein Knie,
Und mit sang jeder Mann:

„Wer denkt der alten Freundschaft nicht,
„Der alten Heimat gern?”
Und über Blut und Leichen bricht
Herauf der Rettung Stern.

Kanonen donnern ihren Gruß
Ringsum von jeder Schanz’,
Und Jessie trägt mit schwankem Fuß
Den Rettern hin den Kranz.


1. Gottfried Kinkel: Gedichte. Zweite Sammlung, Stuttgart: Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1868, S. 100

2. Gottfried Kinkel: Gedichte. Zweite Sammlung, Stuttgart: Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1868, S. 106

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